| Die Bypassoperation im
Wandel der Zeit
Interview mit Dr. Konrad
Felten, Leitender Oberarzt an der Klinik für Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie
in Braunschweig. Das Gespräch führte Dr. Karsten Gericke, Oberarzt
in der Kirchberg-Klinik.
Lieber
Herr Kollege Felten, die Koronarbypass-Chirurgie hat enorme Fortschritte
gemacht, seit Kolesov 1964 in Leningrad die erste Mammaria-Arterie auf
die linke Herzkranzarterie implantierte und Favoloro und Effler 1967 in
Cleveland/Ohio die ersten Venenbypässe einsetzten. In den letzten
drei Jahrzehnten hat sich die Bypassoperation zu einem unverzichtbaren
Baustein bei der Behandlung der koronaren Herzkrankheit etabliert. Einen
großen Teil dieser Entwicklung haben Sie im Verlauf Ihrer bisherigen
beruflichen Tätigkeit miterlebt. Als mit der Herzchirurgie in Braunschweig
begonnen wurde, waren Sie einer der ersten Mitarbeiter. Wie viele Bypassoperationen
sind denn mittlerweile in Braunschweig durchgeführt worden?
Am
2. Januar 1990 wurde in Braunschweig die erste Herzoperation am Städtischen
Klinikum durchgeführt: eine koronare Herzoperation.
Damals war schon der Gebrauch
der Brustwandarterien (Arteria mammaria) als Bypass Routine. Im ersten
Jahr wurden in Braunschweig 500 Eingriffe mit der Herz-Lungen-Maschine
vorgenommen. Mit der Vergrößerung der Bettenzahl auf 75 nach
Umbaumaßnahmen in der Salzdahlumer Straße konnte die Zahl der
Herzoperationen auf über 1000 pro Jahr gesteigert werden.
Bis Oktober 2003 haben wir
nach 13 Jahren 12 900 Herzoperationen am Städtischen Klinikum Braunschweig
durchgeführt. Davon waren 10 800 koronare Bypassoperationen. Dies
entspricht 84 Prozent der Herzoperationen.
Auch
die implantierten Bypässe sind Alterungsprozessen unterworfen und
können durch das Fortschreiten der allgemeinen Gefäßsklerose
im Laufe der Zeit beeinträchtigt werden. Wir sehen daher in der Reha-Klinik
gelegentlich Patienten, die sich im Laufe des Lebens einer zweiten Bypassoperation
unterziehen mussten. Wie hoch ist der Anteil dieser Patienten an der Gesamtzahl
aller Bypassoperationen am Herzen?
Patienten mit koronarer Herzkrankheit
leiden in der Regel an einer generalisierten Arteriosklerose. Eine Bypassoperation
stellt lediglich eine symptomatische Therapie dar. Die erkrankten, verengten
oder verschlossenen Koronargefäße werden durch sogenannte Bypässe
überbrückt. Dies ändert an dem Grundleiden der Arteriosklerose
nichts. Das heißt, dass wir durch eine koronare Bypassoperation den
Patienten nicht vollständig heilen. Wenn nicht die Risikofaktoren
für diese Erkrankung ausgeschaltet werden, schreitet die Krankheit
Gefäßsklerose weiter fort und befällt letztendlich auch
die neu implantierten Bypässe. Bei kurzstreckigen Engstellen in den
neuen Bypässen kann je nach Lokalisation dieser Stenose dann eine
Ballondehnung vorgenommen werden. Sind jedoch mehrere Bypässe erneut
von der Gefäßsklerose betroffen, muss eventuell wieder operiert
werden.
Je mehr Patienten wegen koronarer
Herzkrankheit operiert werden, desto höher wird auch die Anzahl der
so genannten Re-Eingriffe werden. In den ersten Jahren war die Anzahl von
Re-Eingriffen an den Koronararterien deutlich geringer: 8 bis 26 pro Jahr.
Im Jahr 2002 betrug die Zahl der Zweit-Operationen bereits 56, das heißt,
dass in unserer Klinik mehr als einmal pro Woche ein solcher Eingriff stattfindet.
Im Schnitt betragen in unserem Haus die re-koronaren Bypass-Operationen
fünf Prozent der Koronarchirurgie. Sicherlich wird diese Zahl in Zukunft
noch steigen, da die Patienten ein immer höhes Alter erreichen und
ihre Bypass-Verschlüsse überleben werden.
Gibt
es Patienten oder Risikofaktoren, bei denen die Wahrscheinlichkeit einer
später erneut notwendigen Bypassoperation besonders hoch ist?
Die Risikofaktoren der koronaren
Herzkrankheit: Fettstoffwechselstörungen, Diabetes mellitus, Bluthochdruck
und Nikotinmissbrauch müssen, um den Prozess der Gefäßsklerose
aufzuhalten, therapiert werden. Dabei spielt die Motivation und die Einsicht
des Patienten eine große Rolle.
Patienten,
bei denen nicht alle erkrankten Koronararterien mit einem Bypass versorgt
wurden, haben früher wieder Beschwerden. Diabetes mellitus und dialysepflichtige
Niereninsuffizienz sind in Kombination sehr ungünstig für die
Prognose koronarer Bypässe. Dennoch werden auch diese Patienten operiert,
damit ihnen die Chance für eine Nierentransplantation gegeben wird.
Wichtig ist auch die Art
des verwendeten Bypassmaterials. Patienten mit wiederholten Venenthrombosen
haben oft schlechte Venen, die nur selten als Bypass-Material gebraucht
werden können. Körpereigene Arterien, die als Bypässe verwendet
werden, bleiben in der Regel länger offen. Die Offenheitsrate von
Venen-Bypässen beträgt ca. 50 Prozent nach 10 Jahren und die
der Arteria mammaria interna als Bypass über 80 Prozent nach zehn
Jahren.
Weiterhin ist die medikamentöse
Therapie nach einer Bypass-Operation wichtig. Auf die Einnahme von Aspirin
oder eines Ersatzpräparates sollte nach einer koronaren Bypassoperation
nicht verzichtet werden. Auch sollte der Nikotinkonsum eingestellt und
die Blutfette durch Diät reduziert werden.
Bereitet
eine Zweitoperation am Herzen für den Operateur besondere technische
Schwierigkeiten?
Eine Zweitoperation am Herzen
ist in der Regel technisch anspruchsvoller, weil das Herz nach einer Operation
nicht mehr frei im Herzbeutel liegt, sondern in der Regel vollständig
mit dem umgebenden Gewebe verwachsen ist. Es muss also freipräpariert
werden. Dadurch sind die Koronararterien schwieriger darzustellen. Diese
Art von Operation bleibt den erfahreneren Operateuren vorbehalten, ist
aber mittlerweile auch schon zur Routine im klinischen Alltag geworden.
Gibt
es dabei Unterschiede, ob die Zweitoperation wegen Bypässen oder wegen
einer Herzklappenerkrankung durchgeführt wird?
Wenn bei intakten koronaren
Bypässen eine Herzklappe ersetzt werden muss, bedeutet dies einen
erhöhten Schwierigkeitsgrad. Die gut funktionierenden Bypässe
dürfen bei der Zweitoperation nicht beschädigt werden. Verschlossene
Bypässe weisen den Weg zu den erneut zu operierenden Koronararterien.
Ein erneuter Ersatz einer
künstlichen Herzklappe ist je nach Voroperation mit einem lediglich
gering erhöhten Risiko verbunden. Dies rechtfertigt auch die Tendenz
zum vermehrten Einbau von biologischen Herzklappenprothesen.
Welche
Möglichkeiten bestehen, wenn bei einer früheren Bypassoperation
bereits alle brauchbaren Beinvenen zur Bypassanlage verbraucht wurden?
An einem gesunden Bein gibt
es zwei lange oberflächlich verlaufende Venen, die wir in der Regel
als Bypassmaterial verwenden können. Des Weiteren besteht die Möglichkeit,
sowohl die linke und die rechte Brustwandarterie (Arteria mammaria), als
auch beidseits eine Unterarmarterie (Arteria radialis) zu gebrauchen. Mit
diesen vier Arterien können mehr als vier Engstellen oder Verschlüsse
an den Koronararterien überbrückt werden. Notfalls können
wir auch auf Armvenen oder eine Arterie aus dem Bauchraum zurückgreifen.
Das Bypassmaterial eines Patienten reicht somit für mehrere koronare
Bypass-Operationen aus. Kritisch kann es dann werden, wenn der gleiche
Patient auch an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (der so
genannten Schaufensterkrankheit) leidet. Dann muss zu Gunsten des Herzen
die Bypass-Operation am Bein mit künstlichen Blutleitern erfolgen.
Welches
sind aus Ihrer Sicht die vielversprechendsten Neuentwicklungen in der Herzchirurgie?
Durch die zunehmende Routine
sind die Herzoperationen einfacher geworden. Die Anästhesie hat vor
allem durch besseres Monitoring und die Ultraschalluntersuchung des Herzens
durch die Speiseröhre während der Operation viel mehr Möglichkeiten,
zusammen mit dem Operateur den Verlauf der Operation zu steuern. Dadurch
können Komplikationen auf ein Minimum reduziert werden.
Die Handhabung der Herz-Lungen-Maschine
ist deutlich einfacher und die Materialien sind für das menschliche
Blut verträglicher geworden. In unserem Hause wurde eine vereinfachte
Herz-Lungen-Maschine unter der Leitung von Privatdozent Dr. Harringer
für den klinischen Einsatz getestet. Seine Ergebnisse wurden weltweit
publik und haben kritische Herzchirurgen überzeugt, dass auch mit
einer vereinfachten Herz-Lungen-Maschine kompliziertere Operationen blutsparend
möglich sind. Die Idee von Dr. Harringer, eine Herz-Lungen-Maschine
so einfach wie möglich zu konfigurieren, um damit möglichst Patientenblut
zu sparen und dennoch routinemäßige Herzchirurgie zu betreiben,
verschaffte unserer Klinik einen großen Bekanntheitsgrad.
Einen weiteren großen
Fortschritt stellt auch heute die Tatsache dar, dass vollständige
koronare Bypass-Operationen auch ohne Herz-Lungen-Maschine durchgeführt
werden können. Die minimal invasive Herzchirurgie ermöglicht
Bypass- und Klappenoperationen über kleine Zugänge (Schnitte).
Der Einsatz von Robotern ist jedoch für den klinischen Alltag noch
nicht geeignet.
Wird
die Gefäßnaht per Hand, die ja sehr zeitaufwändig ist,
bald durch andere Gefäßverbindungstechniken, zum Beispiel die
Magnetverbindung, abgelöst werden?
Die Handnaht ist immer noch
„en vogue“ und wird auch in näherer Zukunft noch nicht ersetzt werden.
In der Medizinischen Hochschule Hannover wird derzeit eine Gefäßverbindung
für Bypässe mittels kleiner Magnete getestet. In der HTG-Klinik
Braunschweig läuft gerade eine klinische Erprobung von so genannten
Klammernahtgeräten für die Verbindung von Venenbypässen
mit Koronararterien. Dass dies an den Verbindungen des Venenbypasses zur
Aorta möglich ist, hat Dr. Harringer bereits in einer klinischen Studie
vor einem Jahr gezeigt. Mit einem solchen Klammernahtgerät können
Bypässe auf kleinste Koronararterien in kurzer Zeit angeschlossen
werden.
Ob diese Verfahren die Handnaht
vollständig verdrängen, hängt von der Handhabung, der Sicherheit
und nicht zuletzt von den Kosten einer solchen Gefäßverbindung
ab.
Herr
Felten, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
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