Viele Operationen sind auch für Marcumar-Anwender ambulant möglich

360 Marcumar-Anwender kamen Mitte Oktober 2003 in die Kirchberg-Klinik
 

Zum 9. Patiententreffen der Kirchberg-Klinik sind 360 Marcumar-Anwender nach Bad Lauterberg gekommen, um einen Vortrag von Dr. Claus Hartmann zu hören, einem niedergelassenen Chirurgen aus Herzberg, der über die Risiken bei ambulanten chirurgischen Eingriffen referierte. Die ambulante Chirurgie gewinnt zunehmend Bedeutung, weil sie kostengünstiger als eine stationäre Therapie ist. Anschließend informierte Oberärztin Dr. Barbara Bialucha-Nebel über neue medizinische Erkenntnisse bei den Zielwerten der Gerinnungshemmung.

Dr. med. Claus HartmannIn seinem Vortrag stellte Hartmann die Faustregel auf: Außerhalb des Bauches sind ambulante Operationen machbar, also die Behandlung von Veränderungen an den Händen, Knochenbrüche an Arm und Hand, Nervenkompressionen, Hautveränderungen, zum Teil sogar Herzschrittmachertherapien, Erkrankungen des Enddarms, Leisten- Nabel- und Wadenbrüche.

Für die ambulante Chirurgie nicht geeignet ist alles im Bauch unter der Bauchdecke, „auch nicht die Blinddarmoperation“ erläuterte der Facharzt. 

Für Marcumar-Patienten, deren Blutgerinnung künstlich herabgesetzt wird, um beispielsweise Blutgerinnsel an einer künstlichen Herzklappe zu verhindern, stellt die Blutung nach einer Operation eine besondere Gefahr dar. Deshalb müsse immer abgewogen werden, ob der INR-Wert für die Operation ganz oder teilweise ausgesetzt werden könne. 

Vor Eingriffen an der Körperoberfläche sei es nicht nötig, das gerinnungshemmende Medikament abzusetzen, weil Nachblutungen hierbei „beherrschbar“ sind, indem man die Wunde mit einem Kompressionsverband verbindet, lernten die Zuhörer. Anders verhalte es sich bei Operationen in Körperhöhlen und in Gelenken, die nicht komprimierbar sind. Während früher Chirurgen generell verlangten, dass die Patienten zuvor das Marcumar absetzten, gehe man heute mehr vom Einzelfall aus. "Man muss die Vorerkrankung in die Überlegung mit einbeziehen. Was nützt es, wenn der Chirurg nach der Operation sagen kann: 'Bei mir hat nichts geblutet', wenn der Patient dann an den Folgen eines Schlaganfalls stirbt", so der ehemalige Chefarzt der Chirurgie am Kreiskrankenhaus Herzberg.

Trotzdem ist je nach Blutungsgefahr eine Verminderung oder das Absetzen der gerinnungshemmenden Therapie erforderlich. Es empfiehlt sich ein INR-Wert von ca. 1,5 bis 2. Das Gleiche gilt für Punktionen und Injektionen. Der Chirurg empfahl dringend, dass sich in diesem Fall der Operateur und der das Marcumar verschreibende Arzt in Verbindung setzen, um die Risiken gemeinsam abzuwägen und dann die medikamentöse Einstellung festzulegen. Darauf sollten Betroffene vor einem Eingriff bestehen. Wenn der Zielwert unterschritten wird, müsse die Gerinnungshemmung durch Hebarinspritzen überbrückt werden. Heparin wirkt kürzer. Deshalb wird bis kurz vor der Operation Heparin gespritzt, um die Zeit der geringeren Gerinnungshemmung möglichst kurz zu halten.

Dr. Barbara Bialucha-Nebel, Oberärztin in der Kirchberg-Klinik, berichtete in einem Kurzvortrag über neue medizinische Erkenntnisse bei den Zielwerten der Gerinnungshemmung. Die Kirchberg-Klinik tritt vehement dafür ein, dass Marcumar-Anwender ihre Gerinnungswerte selbst regelmäßig messen und das Marcumar eigenverantwortlich dosieren. Denn mehrere Untersuchungen haben ergeben, dass dann die Einstellung deutlich stabiler ist. Die angestrebte Intensität der Gerinnungshemmung (Zielwert) kann dann etwas niedriger liegen, weil der „Sicherheitszuschlag“ entfällt. Auch tritt die Klinik dafür ein, dass nicht wie früher der Quick-Wert bestimmt wird, sondern der international geltende und vergleichbare INR-Wert. Bei der Quick-Wert-Bestimmung sind die Werte von verschiedenen Labors nicht miteinander vergleichbar.

Als Zielwerte bei Patienten mit Vorhofflimmern gilt ein INR-Wert von 2 bis 3, bei Patienten mit einem mechanischen Aortenklappenersatz zunächst 2,5 bis 3,5, der nach drei Monaten auf 2 bis 3 gesenkt werden kann, bei neuer Mitralklappe gilt ein Wert von 2,5 bis 3,5. Vermutlich wird der INR-Wert bei Patienten mit einer mechanischen Doppelflügelklappe bei Selbstmanagement in der allgemeinen Empfehlung auf 1,8 bis 2,8 sinken, blickte die Ärztin voraus.
 
 

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